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Hebbel, Hegel und Plato

Heinrich Keidel
The Journal of English and Germanic Philology
Vol. 17, No. 2 (Apr., 1918), pp. 175-197
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/27700866
Page Count: 23
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Notes and References

This item contains 4 references.

[Footnotes]
  • 1
    Die Rolle des Zuschauers bei den Hebbelschen Dramen ist bisher noch wenig beachtet worden. Wenn bei dem Dichter das intuitive Anschauen und die innere Sehkraft weit wichtiger für die Erkenntnis der Ideen sind als das Denken (Philosophie), so muss ich gestehen, dass die Dramen als die Resultate dieser Visionen erst einmal die Philosophie, das Denken im Zuschauer, der anfangs völlig unbeweglich ist, in Bewegung bringen. Insofern ist in der Tat das Hebbelsche Drama geradezu didaktisch, zwar nicht im Sinne Gottscheds, aber im Sinne der Philosophie überhaupt. (Im Gegensatz zu Scheunert a.a.O. S.33.) Walzel empfiehlt, nicht eher über Hebbel zu urteilen, bis man seine Dramen auf hochernsten Bühnen gesehen hat. Aber wenn irgend etwas im Ein- klang mit dem Dichter ist, so ist es sicherlich die Auftreibung unserer Emotionen und inneren Gesichte nicht durch die Sinne, sondern durch Denken, falls man das nicht gerade auch einen Sinnesreiz nennt. Da bei Hebbel Philosophie der Kunst untergeordnet ist, so ist Philosophie zur reinen Anschauung seiner Kunst, d.h. zum reinen Geniessen, wenigstens die Brücke über den finsteren Graben des Unbewussten, Verworrenen und billig Sensationellen. Theoretisch will er davon zwar nichts wissen, aber seine Dramen bleiben darin gewiss hinter der Theorie zurück. (Vg. auch Scheunert a.a.O.S. 164.)
  • 3
    Es soll hier an Scheunert (a.a.O.S.295 ff.) erinnert werden. In einem sehr schwierigen Kapitel vergleicht er Hebbels symbolisierende Betrachtung- weise und Solgers höhere Erkenntnisart. "Das gewöhnliche Denken ist nur blosse Form der Verbindung von Allgemeinem und Besonderm, Gleichartigem und Verschiedenem; diese Form muss von einer höheren Erkenntnis mit Stoff erfüllt werden, und die Beziehungen von Allgemeinem und Besonderem u.s.w. müssen die Stoffe selbst erschöpfen. Eine der Hauptbedeutungen des Wortes Idee ist, dass die Erkenntnis Einheit des Allgemeinen und Besonderen und Einheit von Stoff und Form ist." "Und das Wesentliche an der höheren Erkenntnis ist also derjenige Zustand, in den unser Bewusstsein durch die Offenbarung Gottes in ihm in der Existenz versetzt wird. Dieser Zustand ist der Glaube, er ist die Gegenwart der Idee im Bewusstsein. " Und "Das heisst, die Dinge werden einmal, um mit Hebbel zu reden, von bevorzugten "höheren Naturen" symbolisch betrachtet und andrerseits wird die Erkenntnis des absoluten Subjekt-Objekts vorausgesetzt. Beide Seiten der Erkenntnis sind, so sagt Solger weiter, im Grunde ein und dasselbe, d.h. alle Wahrheit in Natur und Sittlichkeit ist Offenbarung Gottes. Dies stimmt mit Hebbel überein, der Gott als das Prinzip pantragischer Vollendung betrachtet. "
  • 3
    Ein recht gutes Beispiel findet sich dafür in dem ohne jede Tiefe flüchtig hingeschriebenen Buche von Bernhard Münz. (Friedrich Hebbel als Denker. Wien und Leipzig 1907.2. Aufl.) Obwohl Münz Hebbels Briefstelle anführt "es ist nicht leicht, sich aus der modernen Welt heraus in eine Anschauung zu versetzen, etc.," gibt sich Münz doch am wenigsten Mühe, dies zu versuchen. Mariamne nennt er ein "psychologisches Rätsel," die die Pflicht hätte "sich den Kindern zu erhalten" (S. 77), ihre Liebe zu Herodes eine "Unmöglichkeit" (S. 73), Herzog Ernst wird als Mörder kaltlächelnd verdammt (S. 64). Wer Hebbels Dramen nicht mit historischen und philosophischen Augen ansieht wird freilich manche Schwierigkeit zu überwinden haben, denn die Gewaltsam- keit des Dichters richtet sich nicht nur gegen seine eigenen Kinder im Drama, sondern auch gegen ein Publikum, das denkfaul ist. Da Münz dies gründlich übersieht, so ist er auch imstande, sich vor Hebbels Individualismus als vor einem Egoismus so schrecklich zu fürchten. Seine "grosse, starke, echte, sonnenäugige Individualität" (S. 48) entbehrt sehr den "sonnigen Optimismus" (S. 51), den der Verfasser auf bringt, wenn er eine Briefstelle von Uechtritz "dem Gehege der Zähne " entschlüpfen lässt (S. 66).
  • 4
    Scheunert (a.a.O. S.42, und dann in dem Abschnitt über die Monadologie Hebbels S. 67–75) hat dies eingehend herauszustellen versucht, doch wischt die greuliche Formlosigkeit seines Stils oft die Pointe weg. Er war sich übrigens kaum bewusst, dass sein Ausdruck "wenn wir sagen" tatsächlich heissen konnte "wenn Plato sagt" und dass der "Einwand" dem Aristoteles zukommt. Den Gegensatz zu Schopenhauer definiert Scheunert so, dass Seh. Idee nur Objekt und Erkenntnis ist, während Hebbel an der Einheit des Subjekt-Objekts fest- hält, dabei der Idee Selbsterkenntnis zuschreibend. Jedenfalls muss festge- halten werden, dass Hebbels Abstand von Schopenhauer dem von Plato gleich- kommt. Damit stimmt auch die Bemerkung, dass Hebbels Monade die Individualidee ist, nicht die Gattungsidee. Entschieden abzuleugnen ist jedoch, wenn Scheunert "ohne weiteres" annimmt, dass die Monaden ihrer Beschaffenheit nach unveränderlich und starr sind. Dies gerade konnte man nur von der Platonischen Gattungsidee behaupten, nicht aber von der Indi- vidualidee Hebbels. Sehr prompt verrennt sich der Verfasser denn auch, indem er ruft: "Man sieht, wie die Spekulation hier Hebbels Lehre dem Leben ent- fremdet; dieses Monadenreich, dieser nebelhafte Geistertanz blutloser, sich selbst nicht mehr kennender Gespenster soll das Ziel alles Lebens sein und soll Trost bieten für alle Zerrissenheiten und Kämpfe des Daseins, die gerade in Hebbel einen lauten Verkünder gefunden haben." Unsere Meinung ist die, dass Hebbel alle Verwandtschaft mit Hegel leugnen würde, wenn seine Vorstellung der Monade diejenige gewesen wäre, die Scheunert ihm aufzuimpfen sich vorgenommen hat.