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Europa - geeint durch Werte?

Europa - geeint durch Werte?: Die europäische Wertedebatte auf dem Prüfstand der Geschichte

Moritz Csáky
Johannes Feichtinger
Series: Global Studies
Copyright Date: 2007
Published by: Transcript Verlag
OPEN ACCESS
https://www.jstor.org/stable/j.ctv1fxhxf
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  • Book Info
    Europa - geeint durch Werte?
    Book Description:

    Sind es Geschichte und Kultur, die Europa zur Einheit bestimmen? Zieht Europa in der globalen Standortkonkurrenz die alte Karte der "kulturellen Errungenschaft" universeller Werte? Was als Wirtschaftsunion gegründet wurde, wird heute zunehmend als Wertegemeinschaft definiert. Diese Suche nach einem europäischen Wesen entwickelt Züge einer "Identitätspolitik", die an nationalistische Inklusions- und Exklusionsdynamiken erinnert und anzuknüpfen erlaubt. Das neue Sinnbedürfnis überblendet nicht nur die Pluralität europäischer Erfahrungs- und Erinnerungs(ge)schichten, es zeugt zugleich von der als Druck wahrgenommenen Globalisierung. Mit Beiträgen von Michael Böhler, Michael Borgolte, Moritz Csáky, Johannes Feichtinger, Georg Kreis, Adolf Muschg, Sabine Offe, Johannes Pollak, Dragan Prole, Michael Rössner, Shingo Shimada und Moshe Zuckermann.

    eISBN: 978-3-8394-0785-1
    Subjects: Political Science

Table of Contents

  1. (pp. 7-8)
    Moritz Csáky and Johannes Feichtinger
  2. (pp. 9-18)
    Moritz Csáky

    Das Scheitern der Implementierung einer europäischen Verfassung und ihr Ersatz durch einen weniger verbindlichen europäischen Grundlagenvertrag (Juni 2007) hat nicht nur dazu geführt, an der Einheit beziehungsweise Kohärenz Europas zu zweifeln oder diese erneut zu hinterfragen, sondern zugleich auch dazu motiviert, verstärkt nach gemeinsamen, konstitutiven Faktoren zu suchen, die für eine „europäische Identität“ von Relevanz sein könnten. Dahinter steht freilich zuweilen die nicht immer genügend reflektierte beziehungsweise eingestandene Vorstellung, die politische Einheit Europas ließe sich nach dem nationalstaatlichen Muster des 19. Jahrhunderts „konstruieren“ (europäische Nation, Europa als Staat). Dabei wird ein gemeinsames, verbindliches Gedächtnis beschworen, das für Europa kennzeichnend wäre,...

  3. (pp. 19-44)
    Johannes Feichtinger

    Im Jahr 1991 versuchte der deutsche Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998) auf einer Tagung über „Reason and Imagination“ die „europäische Rationalität“ zu definieren. Dabei zeigte er „am Thema Rationalität die distinkte Einheit einer europäischen Tradition“ auf, in der sich für ihn das, „was sich als spezifisch modern abzeichnet“, repräsentierte. Konnte Luhmann vor anderthalb Jahrzehnten noch weitgehend gefahrlos vom „Reflexionsvorteil der europäischen Rationalität“ sprechen,¹ so würde sein Definitionsversuch heute schnell als ‚eurozentrisch‘ verurteilt werden. Der Kontext einer möglichen Rede über Europa hat sich entscheidend geändert, Europa befindet sich im Wandel. Lange Zeit beruhte es auf der wirtschaftlichen Kooperation souveräner Nationalstaaten. Seit...

  4. (pp. 45-60)
    Michael Borgolte

    Die bedeutendsten Fragen der Geschichte lassen sich bekanntlich nicht rein wissenschaftlich klären, sondern in die Antworten mischen sich unvermeidlich Werturteile und Konventionen. Das gilt auch für die Anfänge Europas.¹ Wer die Tradition der Freiheit für das Wichtigste hält, wird bis auf die Siege der Griechen über die Perser von 480/479 vor Christus zurückgehen und mag dafür mit Herodot den Gegensatz von Europa zu Asien als Dreingabe und Weichenstellung akzeptieren.² Salamis und Plataiai waren allerdings nicht das letzte Wort im Konflikt zwischen Okzident und Orient. Was den Persern misslang, die Festsetzung auf Europas Boden, glückte doch den Türken im 14. und...

  5. (pp. 61-74)
    Georg Kreis

    In der ewigen Frage, Selbstbefragung oder Selbstbefragerei, was denn Europa ausmache, ist es keine Frage, dass Europa demokratisch sein müsse. Doch nicht alles, was Europa sein muss, ist zugleich ein Distinktionsmerkmal beziehungsweise Identitätselement, das diesen gesellschaftlichen Raum von anderen abgrenzt. Im Falle der Demokratie wie in anderem, etwa der Einstellung zur Rationalität, zum Wirtschaften, zum Zeitverständnis etc. ist doch so etwas wie eine Europäisierung der Welt eingetreten und in deren Zug so etwas wie eine Universalisierung der europäischen Demokratie.

    Was mit „Demokratie“ gemeint ist, bedarf jedoch der Präzisierung. Es gibt zahlreiche Formen und Spielarten der Demokratie. Und ein wichtiger Teil...

  6. (pp. 75-88)
    Dragan Prole

    Die Frage „Was ist europäisch?“ stellt das typische Beispiel der Wesensfrage dar. Streng genommen, meint diese Frage keine zufällige Eigenschaft, die innerhalb des alltäglichen Lebens zu finden ist. Ihre Pointe zielt weder auf die bunte Mannigfaltigkeit, die als regelmäßiges Angebot der europäischen ethnologischen Bilderbücher gilt, noch auf eine allumfassende Liste, die imstande ist, diejenigen zahllosen Einzelheiten aus einer transnationalen Lebenswelt zu sammeln, die vorgeblich nirgendwo anders bestehen. Die Frage „Was ist europäisch?“ ist die Frage nach Europa selbst, nach seinem Wesen. Trotzdem ein solches Wesen schwer vorstellbar ist, setzt sie einEuropa an sichvoraus, das ein zuverlässiger und nachhaltiger...

  7. (pp. 89-102)
    Johannes Pollak

    Die Rede von europäischen Werten, die es zu bewahren, ja sogar zu verteidigen gilt, hat Konjunktur. Eine medial vermittelte Welt, in der Glück und Unglück nahe beieinander liegen, jedenfalls aber grenzenlos scheinen, erfordert eine Rückbesinnung auf das vermeintlich Grundsätzliche. Und dieses Grundsätzliche, das uns und ein „Uns“ definieren soll, glaubt man in Werten zu finden. Werte alsdifferentia specifica, Werte als Grenzwächter einer kollektiven Identität. Mutet man damit unseren Werten nicht zuviel an Kollektivität zu? Und wie lassen sich EUropas Werte überhaupt bestimmen? Was macht EUropa zu etwas Besonderem?

    Die dahinter liegende grundlegende Frage – was hält ein politisches Gemeinwesen...

  8. (pp. 103-132)
    Michael Böhler

    Die Frage nach europäischen Werten wird in der Regel auf der Ebene von gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien, sozialen Verhaltensregeln, ideellen Vorstellungen und Weltansichten, kulturellen Lebensformen und Gebräuchen verfolgt und erörtert. Stichwörter wie Demokratie, Menschenrechte, freie Marktwirtschaft, oder – wie im Konzeptpunkt 5 zur gegenwärtigen Konferenz festgehalten – das Stichwort „Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen“ (Vertrag über eine Verfassung für Europa III Art. II–82. Vgl. auch: Déclaration du Conseil de l’Europe sur la diversité culturelle, 2001) sind dabei die gängig anzutreffenden Leitbegriffe solcher Werte.

    Daneben gibt es nun aber – dies ist der thesenhafte Ansatz meiner folgenden Darlegungen und Erörterungen –...

  9. (pp. 133-144)
    Sabine Offe

    „Ohne die Erscheinung noch ganz zu begreifen, sahn wir, was in Spanien geschah. Gehämmert zu einer Sprache von wenigen Zeichen, enthielt das Bild Zerschmettrung und Erneurung, Verzweiflung und Hoffnung. Die Körper waren nackt, zusammengeschlagen und deformiert von den Kräften, die auf sie einbrachen. Aus Flammenzacken ragten steil die Arme hervor, der überlange Hals, das aufgebäumte Kinn, im Entsetzen verdreht die Gesichtszüge, der Leib zu einem Bolzen geschrumpft, verkohlt, emporgeschleudert von der Hitze des Feuerofens. […] Links die Frau war ein kauerndes Bündel, ihre Hand hing gedunsen, in ihrem Arm das Kind, mit den kleinen erbärmlichen Zehen, den ausgewalzten Handlappen, war...

  10. (pp. 145-156)
    Shingo Shimada

    Europa ist ein Thema, mit dem sich viele Menschen selbst in den entlegensten Teilen der Erde seit etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigen mussten. Es ist nicht anders in Japan. Seit 1853, als die US-amerikanische Kriegsflotte vor der Küste in der Nähe von Edo auftauchte, wurde das Thema dort virulent. Vor die Wahl gestellt, entweder einige Häfen für die Versorgung der ausländischen Schiffe zu öffnen oder in eine kriegerische Auseinandersetzung zu geraten, entschieden sich die damaligen Herrschenden des Shogunats notgedrungen auf die amerikanische Forderung nach der Öffnung einiger Häfen einzugehen.

    Was hat aber dieses Ereignis mit Europa zu...

  11. (pp. 157-178)
    Michael Rössner

    Das im Titel verwendete Wort vom „lateinamerikanischen Fenster im europäischen Haus“ stammt aus der Zeit des „Quinto Centenario“, also des fünfhundertsten Jubiläums der Fahrt des Kolumbus im Jahr 1992. Spanien hatte für dieses Jahr die Olympischen Spiele nach Barcelona und die Weltausstellung nach Sevilla bekommen, und im Vorfeld hatte die Regierung González geplant, ein großes Fest unter dem Motto „Encuentro de Dos Mundos“ – „Begegnung zweier Welten“ zu feiern.

    Das kam in Lateinamerika nicht gut an. Die „Fünfhundertjahrfeier der Entdeckung“ wurde von Autoren und Kulturtheoretikern von jenseits des Atlantiks als „Fünfhundertjahrfeier des Genozids“ gebrandmarkt.¹ Im Vorfeld erschienen nicht nur polemische...

  12. (pp. 179-188)
    Moshe Zuckermann

    Die Frage, ob EUropa an kulturell-religiösen Differenzen scheitern könnte, nimmt sich zwar apokalyptisch aus, hat aber, zumindest dem Augenschein nach, doch einen empirisch belegbaren Wahrheitskern. Kopftuchdebatte und Karikaturenstreit, ethnische Krawalle in England, Frankreich und Holland, veränderte Stadtbilder und umstrukturierte Lebenswelten ganzer Stadtteile in diversen europäischen Metropolen haben offenbar viele Bewohner des „alten Europa“ zutiefst irritiert. Wie immer die Einstellung zu „Europa“ – spätestens mit dem Eingang des fremden Anderen in die Sphäre eines noch so hinterfragbaren Eigenen konsolidiert sich dies Eigene kollektiv als „europäisch“, was aber zumeist eher mit der Abwehr des Nichteuropäischen als mit einem dezidiert europäischen Selbstverständnis zu...

  13. (pp. 189-208)
    Adolf Muschg

    Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen. Ich hatte bereits einen fertigen Vortrag über Europa – ehrlicherweise muss ich sogar sagen: zwei, über europäische Identität in der Tasche, da sprach mich auf der Fahrt hierher mein Gegenüber im Abteil an, ein älterer Herr, der mir beim Bearbeiten des Manuskripts zugesehen haben musste.

    „Darf ich fragen, woran Sie arbeiten?“

    Ich stieg wie aus einem tiefen Brunnen empor und muss ihn verständnislos angestarrt haben.

    „Entschuldigen Sie mein Interesse, aber Sie schreiben immer noch von Hand und korrigieren viel, aber mühsam; mit dem PC hätten Sie es leichter.“– „Ich musssehen, was ich...

Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License (CC BY-NC-ND 4.0)
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