Die chinesische Stadt Wenzhou beschloss im Dezember 2014, Weihnachten zu verbieten.¹ Die eine Million Christen, die in dieser prosperierenden Stadt in der südöstlichen Provinz Zhejiang wohnt, dürfte wohl kaum die Vorhut für einen Kulturkrieg gegen den Westen bilden; vor allem deswegen nicht, weil Wenzhou in den letzten dreißig Jahren als Vorreiter für privates Unternehmertum und Verwestlichung galt. In den 1980er Jahren wurde das „Wenzhou-Modell“, bestehend aus familiengeführten Unternehmen, von vielen nachgeahmt. In den 1990er Jahren galt die Stadt als Aushängeschild für den Sozialismus chinesischer Prägung. Anfang dieses Jahrhunderts wurden die Handelskammern in Wenzhou als Vorläufer einer „Zivilgesellschaft“ nach westlicher Prägung...
Es war ein Blutbad. Bei der Kollision eines mit Methanol beladenen Tanklasters mit einem Reisebus am 26. August 2012 in der Nähe der chinesischen Stadt Xian starben 36 Menschen und es gab einige Verletzte. Doch wie so oft in China folgte auf die Tragödie unmittelbar eine Farce. Kurz nach dem Unfall erschien ein Foto des für die Straßensicherheit verantwortlichen Funktionärs Yang Dacai, auf dem dieser grinsend am Unfallort zu sehen war. Dies löste im Internet einen Sturm der Empörung aus. Die Kommentare der Netzbürger konzentrierten sich zunächst auf sein Verhalten, entwickelten sich dann aber zu einer Diskussion über den Wert...
Shenzhen symbolisierte das China der 1980er Jahre und Pudong (der neue Teil von Shanghai) das China der 1990er Jahre. Heutzutage sehen jedoch viele Menschen Chongqing – eine Stadt mit 33 Millionen Einwohnern im Landesinneren, westlichen Teil Chinas gelegen – als Verkörperung Chinas zu Beginn des 21. Jahrhunderts. So schrieb 2008 der in Harvard lehrende Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, der die Bezeichnung „Chimerica“ aus den beiden Begriffen China und Amerika prägte:
Kurz vor dem Jahrestag der großen Kreditklemme des Westens besuchte ich ihr Gegenteil: die große östliche Sparorgie. Nirgendwo sonst wird die halsbrecherische wirtschaftliche Expansion Chinas besser sichtbar als an der Stadt...
Das Modell von Guangdong ist aus einer speziellen Geographie und Geschichte entstanden. Neben der einzigartigen Lage Guangdongs und den sich dort bietenden externen Möglichkeiten waren es vor allem einmalige historische Veränderungen in der Provinz, die sein Entstehen begünstigt haben. Das Guangdong-Modell zeichnet sich vor allem durch drei Elemente aus: erstens ein politisches System, das Härte und Flexibilität vereint; zweitens eine staatlich kontrollierte Marktwirtschaft und drittens ein unausgewogenes Sozialsystem. Alle drei Elemente sind derzeit mit Herausforderungen konfrontiert, weswegen es im Guangdong-Modell zu Veränderungen kommen wird.
Das erste Element des Guangdong-Modells ist ein politisches System, das Härte und Flexibilität kombiniert. Die Härte...
Angesichts des nachlassenden Wachstums der chinesischen Wirtschaft werden häufig Anreize empfohlen, um auch zukünftig achtprozentiges Wachstum zu garantieren. So wird beispielsweise viel über den Zusammenbruch der chinesischen Stahlindustrie diskutiert, deren Gewinn im Jahr 2011 um nahezu 50 Prozent eingebrochen ist. Auch in der Rohstoffindustrie und in der Zementproduktion hat sich das Wachstum verlangsamt. Forderungen nach weiteren wirtschaftlichen Anreizen überschätzen jedoch die kurzfristigen Probleme, vor denen China steht und sie unterschätzen die langfristigen Konsequenzen des Scheiterns einer rechtzeitigen Restrukturierung und Veränderung von Chinas Wachstumsstruktur. Chinas Führungspersonal sollte die Nerven behalten und der Versuchung eines Kurswechsels zur Ankurbelung des Wachstums widerstehen. Stattdessen...
Als China im Jahr 1979 mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft begann, war es ein armes, nach innen gerichtetes Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 182 Dollar und einer Außenhandelsabhängigkeit (Verhältnis Handel zum Bruttoinlandsprodukt) von 11,2 Prozent.12 Seitdem hat China eine wunderbare wirtschaftliche Entwicklung durchlebt. In diesen 30 Jahren lagen die jährlichen BIP-Wachstumsraten bei durchschnittlich 9,9 Prozent und die jährliche Steigerung des internationalen Handels lag bei 16,3 Prozent. Im Jahr 2011 war China ein Land mit einem mittleren Einkommensniveau, einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 5.400 US-Dollar und mehr als 600 Millionen Menschen waren der Armut entflohen. Seine Außenhandelsabhängigkeit ist auf über...
Wu Ying, eine junge Unternehmerin aus der Proving Zhejinag wurde im Jahr 2009 vom Gerichtshof in Zhejiang wegen Betruges privater Investoren und Veruntreuung von Geldern zum Tode verurteilt, nachdem sie von elf Bekannten und Freunden mehr als 700 Millionen Yuan (111 Millionen US-Dollar) für geschäftliche Zwecke zusammengetragen hatte. So etwas kennt man aus Frankreich zu Zeiten von König Ludwig XIV, als die französische Regierung mehr als 16.000 Unternehmer töten ließ, weil sie gegen das von Finanzminister Jean-Baptiste Colbert verhängte Verbot des Imports und der Produktion von Baumwollstoffen verstoßen hatten. Etwas Vergleichbares gäbe es heutzutage im Westen nicht. Das bedeutet in...
Es gibt kein festes, überall einsatztaugliches Modell des Sozialismus. Stattdessen muss das sozialistische Ideal auf verschiedene Arten in verschiedenen Ländern und verschiedenen Entwicklungsstufen angepasst werden. Seit der Befreiung Chinas im Jahr 1949 haben die Kommunistische Partei Chinas, alle Ebenen der chinesischen Regierung und das chinesische Volk einen sozialistischen Pfad beschritten, der zu den innerstaatlichen Verhältnissen und zur Entwicklungsstufe passt. Während der vergangenen sechs Jahrzehnte hat China zwei Stufen der historischen Entwicklung durchlaufen und war jedes Mal relativ erfolgreich bei der Erkundung des sozialistischen Pfades.18 Da es das dritte Stadium in seiner Geschichte betreten hat, erkundet es nun einen neuen Pfad...
Im Vorwort zu einem neuen Buch über chinesische Geschichte schrieb der frühere Präsident Jiang Zemin, dass alle Mitglieder der Kommunistischen Partei und insbesondere deren Führungspersonal das Studium der Geschichte als Priorität betrachten und aus ihm lernen sollten. Seine Bemerkungen wurden im Juli 2012 von Xinhua veröffentlicht.
China hat eine lange Tradition, die Geschichte zu studieren und aus ihr zu lernen – vor allem in Bezug auf die Frage, wie solche Lehren aus der Geschichte auf die Regierungsführung übertragen werden können. Generationen von Parteiführern haben ihrerseits die Notwendigkeit betont, sich von historischen Erfahrungen bei der Entscheidungsfindung leiten zu lassen. Als damalige...
Der Vorfall in Wukan könnte für China von historischer Bedeutung sein. Proteste von Dorfbewohnern haben in einem demokratischen Prozess zur Wahl von Dorfvertretern geführt, den die Dorfbewohner als fair empfunden haben. Dies war nicht die erste derartige Wahl in China. Aber im Kontext von Ereignissen im Umfeld des Vorfalls besitzt er eine besondere Bedeutung. Angesichts eines stark gestörten Vertrauensverhältnisses zwischen Funktionären und Bevölkerung haben sich beide Seiten schließlich zur Anwendung einer rationalen Methode entschieden – Wahlen und ein demokratischen Prozess, der einen Kompromiss ermöglichte, dessen Bestandteile die Bedürfnisse der Öffentlichkeit und der Regierung befriedigte. Die erfolgreiche Streitbeilegung in Wukan beweist,...
Zur Gewährleistung der politischen Rechenschaftspflicht muss sich der Staat mit zwei grundlegenden Fragen auseinandersetzen. Erstens mit der Frage, wer Macht ausüben kann und wer nicht – sprich, wie eine Regierung gebildet wird. Zweitens mit der Frage, wie diese Macht ausgeübt wird – also wie der Einsatz der Macht kontrolliert wird. Zwei verschiedene Institutionen werden zur Beantwortung dieser zwei unterschiedlichen Fragen benötigt.
Während der vergangenen rund 2000 Jahre politischer Geschichte hat die Menschheit viele Methoden oder Lösungsansätze für die erste Fragestellung erprobt, zu denen auch Gewalt, gesetzliche Erbfolge, (willkürlich) Ernennung und selbst Bestechlichkeit, Auslosung, Untersuchungen und kompetitive Wahlen gehörten. Erst im...
Die Mehrheit der Chinesen hatte schon immer große Zuneigung und Vertrauen in die Partei und die Regierung. Doch heutzutage, da sich Gerüchte über die Partei und die Regierung sehr schnell verbreiten, hat das öffentliche Vertrauen in die Regierung gelitten. Es wäre sicherlich schwierig, irgendwo auf der Welt eine andere Regierung zu finden, deren Funktionäre so gut ausgebildet sind und so hart arbeiten. Unter der Führung der Partei hat sich China vom weltweit größten Agrarstaat zum größten Industriestaat der Welt entwickelt; die Lebensbedingungen der Menschen haben sich rapide verbessert, die Infrastruktur wurde modernisiert und die Kluft zu den Industriestaaten hat sich...
Der 14. März steht nun für den „Vorfall von Chongqing“ – möglicherweise das größte politische Ereignis in China seit dem Jahr 1989. An diesem Tag im Jahr 2012 kam das „Modell von Chongqing“ an sein politisches Ende. Es passiert nicht oft, dass das Experiment einer Kommunalregierung oder die Absetzung eines Führers eines lokalen Experiments eine solche Wirkung in China und auf der ganzen Welt entfaltet. Da jedoch sowohl China als auch die USA die Details dieses Vorfalls geheim hielten, verbreiteten sich Korruptionsgerüchte über Bo Xilais Familie im Internet. Zudem wurde über einen Machtkampf zwischen Bo und Wang Lijun, dem stellvertretenden...
China hat das Internet in zwei Internets geteilt: das globale Internet und das „Chinanetz“. In den vergangenen 15 Jahren hat die chinesische Regierung ein unkonventionelles Katz-und-Maus-Spiel mit den 500 Millionen Internetnutzern gespielt – immerhin die größte Gruppe von Netzbürgern in der ganzen Welt. Das globale Internet wird in China zensiert, doch das parallele Chinanetz boomt. Die chinesische Regierung hat jede Web 2.0-Seite blockiert, aber gleichzeitig die Schaffung einer Reihe von Abbildern erlaubt: statt Google nutzen wir Baidu; wir verwenden Sina Weibo statt Twitter und Renren statt Facebook, und Filme schauen wir auf Youku statt auf YouTube. Die chinesische Herangehensweise an...
Die schnelle Expansion chinesischer Interessen in Übersee hat zur Folge, dass die Diplomatie des Landes für mehr geeignete Garantien und langfristige Planungen sorgen muss. China ist weltweit der viertgrößte Rohölproduzent. Doch wegen seines ständig steigenden Energiebedarfs muss es 57 Prozent seines Ölkonsums importieren, wodurch es zum weltweit größten Energieimporteur wird. Ungefähr zwei Drittel seines Eisenerzbedarfs müssen importiert werden, damit China rund die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Rohstahl produzieren kann.
Im Jahr vor Einführung der Reform- und Öffnungspolitik reisten jährlich ungefähr 9.000 Chinesen ins Ausland. Heutzutage verlassen jedes Jahr mehr als 70 Millionen Chinesen das Land, von denen die meisten...
Seit dem Ende des Kalten Krieges sind die Vereinigten Staaten die letzte Supermacht, doch wurde ihre globale Vorherrschaft durch den Ausbruch der Finanzkrise 2008 geschwächt. Die gegenwärtige internationale Struktur wird sich vermutlich von einer unipolaren Struktur mit den USA als absolut führendem Akteur hin zu einer bipolaren Struktur zusammen mit China, das in den nächsten zehn Jahren zu einem etwas weniger mächtigen Gegenspieler der USA werden wird, verändern.
Das Machtgefälle zwischen China und den USA verringert sich. Im Jahr 2011 lag das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ungefähr bei der Hälfte des amerikanischen BIP. Wenn Chinas BIP weiterhin mit einer Rate von...
Die finanziellen Unruhen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2008 haben zur schwersten globale Finanzkrise seit den 1930er Jahren geführt und ökonomische Blasen in vielen Ländern zerstört. Europa steckt noch immer in einer Schuldenkrise. Das Erdbeben von Fukushima im Jahr 2011 und der Nuklearunfall haben der ohnehin schon schwächelnden japanischen Wirtschaft schwer zugesetzt. Viele Menschen sprechen nun gerne von einer „postamerikanischen“ multipolaren Welt. Als hätte sich der Nebelschleier einer „unipolaren Welt“ schon längst in Luft aufgelöst.
2011 wurden in Pakistan Osama bin Laden und in Libyen Muammar al-Gaddafi getötet. Doch im Westen wurden die Anfang 2011 ausgelösten Aufstände in der...
China ist besser über die Ereignisse in Europa informiert als das umgekehrt der Fall ist. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass die Europäische Union über ein transparenteres politisches System verfügt, sondern auch damit, dass Europa derzeit auf sich selbst fokussiert ist. Vor diesem Hintergrund war es das Ziel dieses Sammelbandes, Europäern die Debatten, die in China geführt werden und die Auswirkungen auf Europa haben, näher zu bringen. Die Europäer sind in der Vergangenheit davon ausgegangen, dass China von uns lernen muss; da China aber inzwischen die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist, müssen wir es kennenlernen und die Auswirkungen...
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